Aber schon die für diese Einrichtungen inzwischen eingeführte Bezeichnung „Kindertagesstätte (Kita)“ macht ja recht deutlich, worum es dort primär geht: nicht um die Entfaltung der in den Kindern angelegten Potentiale, nicht um Erfahrungen, die ihnen eine Bewusstwerdung ihrer Würde ermöglichen, sondern um einen Ort, an dem sie sich tagsüber aufhalten, wenn ihre Eltern arbeiten. Der Begriff „Kindergarten“ impliziert zumindest noch, dass Kinder sich dort spielerisch erproben und sich um etwas, das dort wächst, kümmern können. Die Bezeichnung Kita aber bringt nur zum Ausdruck, dass Kinder dort abgegeben und aufbewahrt werden können, noch nicht einmal, dass sie dort etwas lernen könnten.

So können Eltern nur hoffen, dass die Erzieherinnen mehr darunter verstehen und es ihnen ein Anliegen ist, das Empfinden der Kinder für das zu stärken, was ihre Würde ausmacht. Erkennen lässt sich das daran, dass solche Erzieherinnen die ihnen anvertrauten Kinder nicht zu Objekten ihrer Erwartungen und Bewertungen, ihrer Belehrungen und Fördermaßnahmen machen. All jene, die diese Grundregel eines würdevollen Umgangs miteinander, mit den Eltern und vor allem mit den Kindern verletzen, brauchen Unterstützung.

Sie brauchen die Begegnung und den wertschätzenden Austausch mit all jenen Eltern, die sich ihrer Würde bewusst sind. Nur so kann es gelingen, dass auch diese Erzieherinnen allmählich eine zunehmend klare Vorstellung und damit auch ein Bewusstsein ihrer eigenen Würde entwickeln. Dann werden sie das, was sie in den Kitas tun, sehr wahrscheinlich auch nicht länger „Erziehung“ nennen. Denn Kinder sind kein Spalierobst. Sie dürfen nicht zurechtgestutzt und an Drähten entlang gezogen werden, damit sie möglichst viel Ertrag bringen.

Vielleicht gelingt es Eltern und Erziehern künftig besser als bisher, möglichst vielen Kindern bereits vor dem Eintritt in die Schule dabei zu helfen, das Empfinden für ihren Wert und für ihre eigene Bedeutsamkeit als Subjekte zu stärken. Solche Kinder lernen dann von ganz allein, anderen Personen so zu begegnen, dass sie deren Würde nicht verletzten. Weil sie sich selbst als konstruktive Gestalter ihrer Beziehungen erleben, können sie so viel von diesen anderen Personen lernen. Auch, sich ihrer eigenen Würde bewusst zu werden.

Der Prozess der Herausbildung eines Selbstbildes, das die eigene Eingebundenheit in eine menschliche Gemeinschaft verinnerlicht hat und einem Kind als innerer Kompass hilft, seine Beziehungen mit anderen so zu gestalten, dass deren Würde nicht verletzt wird, braucht Zeit. Das alles lässt sich nicht unterrichten. Es kann nur durch günstige Erfahrungen mit anderen Menschen von jedem Kind aus sich selbst heraus entwickelt werden. Der damit einhergehende und allmählich immer präziser werdende Reflexions- und Selbstbildungsprozess lässt sich somit nicht beschleunigen. Gelingen kann er nur in einem geschützten Raum, der dem Kind die dazu erforderliche Muße bietet. Schon die alten Griechen scheinen das verstanden zu haben, denn die von ihnen dafür eingeführte Bezeichnung σχολή, die dann von den Römern als scola übernommen wurde, heißt auf Deutsch „Muße“.

Von dieser zur Selbstbestimmung und Selbstfindung erforderlichen Muße ist in unseren heutigen Schulen nichts mehr zu spüren. Wo finden die Heranwachsenden hier noch Gelegenheit, die in ihnen angelegten Talente und Begabungen auf eine spielerische Weise zu erproben und ihrer angeborenen Freude am selbständigen Entdecken und am gemeinsamen Gestalten nachzugehen?

Stattdessen werden sie unterrichtet, belehrt, kontrolliert, geprüft und bewertet, geradeso als seien sie nach den Vorstellungen von Erwachsenen formbare Objekte.

Kein Wunder, dass ihnen dabei die Lust am Lernen vergeht. Wie soll jemand, der von Kindesbeinen an ständig gesagt bekommt, was er wie zu machen, zu erledigen, zu lernen und zu können hat, auf seinem Weg zum Erwachsenwerden jemals herausfinden, wer er eigentlich ist, was ihn interessiert, woran er Freude hat, worauf es im Leben ankommt oder gar, was für ein Mensch er oder sie sein will? Wo finden diese Kinder und Jugendlichen einen dafür geeigneten Raum? Wo können sie all die vielen eigenen Erfahrungen machen, die sie als Grundlage für diesen komplizierten Selbstfindungsprozess brauchen? Und wo haben sie noch Zeit und Muße, um über sich selbst nachzudenken und sich zu fragen, wie sie ihr Leben gestalten, wie sie mit anderen Zusammenleben wollen?

Das sind nicht nur sehr ungünstige Voraussetzungen für die Herausbildung einer Vorstellung und später auch eines Bewusstseins ihrer eigenen Würde. Heranwachsende, die in diesen Einrichtungen erfahren müssen, dass sie immer wieder zum Objekt der Erwartungen, der Bewertungen, der Belehrungen und der Anordnungen und Maßnahmen  ihrer Lehrpersonen gemacht – und damit unwürdig behandelt - werden, müssen sogar versuchen, das in ihnen angelegte Empfinden eigener Würde zu unterdrücken.

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