Manche dieser Erfahrungen sind hilfreich und wertvoll und tragen dazu bei, die in uns angelegten Potentiale schrittweise entfalten zu können. Andere sind aber auch schmerzhaft und belastend. Wir spüren, dass sie uns nicht guttun, und würden sie lieber vermeiden. Aus diesen positiven wie auch negativen Erfahrungen, die wir in unseren Beziehungen zu anderen Menschen machen, entsteht im Gehirn ein inneres Bild, eine Vorstellung davon, wie Menschen ihre Beziehungen und ihr Zusammenleben gestalten müssten, damit uns derartige leidvolle Erfahrungen im Umgang miteinander erspart bleiben. Wenn es uns gelingt, diese Vorstellung mit der Vorstellung unserer jeweiligen Identität zu verknüpfen, entsteht in unserem Hirn dieses besondere Metakonzept, dieses innere Bild, das wir mit dem Begriff und der Vorstellung unserer Würde verbinden.

Die Würdevorstellung, die ein Mensch entwickelt, entsteht aus einem eigenen Empfinden, also aus einem Gefühl, das alle Kinder bereits mit auf die Welt bringen und dessen neuronale Verknüpfungsmuster bereits vorgeburtlich herausgebildet werden. Jedes Kind will dazugehören, es will gesehen werden und es will lernen, wie das Leben geht. Solange Kinder dieses Bedürfnis in sich spüren, finden sie auch Mittel und Wege, es zu verwirklichen. Allerdings haben nicht alle das Glück, ihre eigene Bedeutsamkeit und ihr vorbehaltloses Angenommensein in den strahlenden Augen ihrer Mütter oder Väter auch noch dann zu spüren, wenn deren Anfangsfreude über den Neuankömmling verflogen und der familiäre Alltagstrott wieder eingekehrt ist.

Nicht alle Kinder machen die Erfahrung, bedingungslos und um ihrer selbst Willen geliebt zu werden. Sie wissen noch nicht, weshalb das so ist und was es bedeutet, wenn ihre Würde verletzt wird. Sie können es nur spüren.

Alles, was sie im Verlauf ihrer ersten zwei Lebensjahre ausprobieren und lernen, ist ihnen Ansporn, Ermutigung und Inspiration für jeden weiteren Entwicklungsschritt. Krabbeln, Laufen, Sprechen, Singen, Tanzen und alles andere lernen sie ja deshalb auch von ganz allein, aus sich selbst heraus. Weil sie es lernen wollen. Deshalb schauen sie anderen, die all das schon können, auch so aufmerksam zu.

Mit bewundernswerter Beharrlichkeit probieren sie anschließend all das so lange selbst aus, bis es endlich klappt. Beim Abwaschen helfen, im Garten mitarbeiten, Äpfel pflücken und das Auto reparieren – überall wollen sie dabei sein. Dazugehören. Mitmachen. Wie später nie wieder erleben sich die meisten Kinder in diesen ersten Lebensjahren als Akteure, als Gestalter nicht nur ihres eigenen Lebens, sondern auch ihres Zusammenlebens mit anderen Personen.

Was dabei in ihrem Gehirn gestärkt wird, ist nun aber nicht länger nur ihr bereits mit auf die Welt gebrachtes Empfinden für das, was sie brauchen und was für sie gut ist. Die für diese anfängliche Empfindung verantwortlichen neuronalen Verschaltungsmuster werden nun durch ihre eigenen Erfahrungen ganz entscheidend verstärkt, erweitert und auch präzisiert. Was dadurch im Gehirn verankert wird, ist deshalb keine bloße Empfindung mehr, sondern eine als handelndes Subjekt gemachte eigene Erfahrung. Sie bildet das Fundament, für das, was die Psychologen Selbstwirksamkeit oder noch treffender das Erleben der eigenen Subjekthaftigkeit nennen. Und dieses Erleben ist während der frühen Kindheitsphase immer an die das Kind begleitenden anderen Personen gebunden, eingebunden in die Gemeinschaft, mit der es sich verbunden fühlt. Es wird ihm erst ermöglicht durch seine eigene Zugehörigkeit zu dieser Gemeinschaft und die ihm von deren Mitgliedern entgegengebrachte Zuwendung, Unterstützung und Ermutigung.

Wenn so kleine Kinder schon imstande wären, diese wichtigste Anfangserfahrung ihres Lebens mit Worten zu beschreiben, so würden sie wohl alle sagen, dass sie in dieser Lebensphase erstmals erahnt haben, was es heißt, ein Mensch zu sein. Diese am eigenen Leib gemachte Erfahrung wird im Gehirn als neuronales Netzwerk verankert. Unter günstigen Umständen kann es sich zu einem komplexen Verschaltungsmuster weiterentwickelt und zur strukturellen Grundlage dessen werden, was wir als Vorstellung und schließlich als das Bewusstsein der Würde eines Menschen bezeichnen.

Ein Mensch, der sich seiner Würde bewusst geworden ist, braucht weder den Erfolg beim Kampf um begrenzte Ressourcen noch irgendwelche Ersatzbefriedigungen, die ihm von Werbestrategen angeboten werden. Eine solche Person leidet nicht an einem Mangel an Bedeutsamkeit. Sie ist sich ihrer Bedeutung bewusst. Deshalb ist sie nicht mehr verführbar. Weder hat sie einen Gewinn davon noch ein Interesse daran, andere Personen zu Objekten ihrer Absichten und Erwartungen, ihrer Ziele und Maßnahmen oder gar ihrer Verführungskünste und Versprechungen zu machen.

Weil sie sich ihrer eigenen Würde bewusst ist, kann sie die Würde anderer Menschen nicht verletzten. Das wäre unter ihrer Würde.

Personen, die das Glück hatten, sich auf diese Weise ihrer Würde erstmals bewusst zu werden, beschreiben dieses Erleben als eine außerordentlich tiefreichende Wiederentdeckung ihrer eigenen Gestaltungskraft und eines längst verloren geglaubten Verbundenheitsgefühls mit anderen Menschen, meist auch mit anderen Lebewesen. Auf diesem Gefühl untrennbarer Verbundenheit erwächst in ihnen zwangsläufig auch das Bedürfnis, in Zukunft Verantwortung für sich selbst und ihr Handeln zu übernehmen. Deshalb können Menschen, die sich ihrer eigenen Würde bewusst geworden sind, nicht länger so weiterleben wie bisher. Andere Personen spüren das, auf sie wirken solche Menschen tiefgreifend verändert. Sie verhalten sich achtsamer, zugewandter, liebevoller, sie ruhen stärker in sich selbst und strahlen diese Ruhe auch auf andere aus. Sie lassen sich nicht mehr antreiben und sind auch nicht mehr verführbar. Wer solchen Menschen begegnet, hat das Gefühl, sie hätten einen inneren Kompass gefunden, dem sie sich anvertrauen und der sie durchs Leben führt. Nicht irgendwie, sondern in Würde. Nicht irgendwohin, sondern hin zu gelebter Menschlichkeit.

Diese Bewusstwerdung der eigenen Würde ist der entscheidende Schritt in die Freiheit, ein Akt der Emanzipation, nicht als Frau oder als Mann, sondern als Mensch.

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