Niemand kommt ja als Deutscher oder Franzose, als Störenfried oder Verbrecher, als Vergewaltiger, als Massenmörder oder als gieriger Investmentbanker zur Welt. Damit wir verträgliche Menschen werden, die miteinander wachsen und gemeinsam nach Lösungen suchen, brauchen wir etwas, das unsere Bemühungen in eine bestimmte Richtung lenkt, uns zusammenführt und uns hilft, gemeinsam etwas zu gestalten. Ohne eine solche strukturierende Kraft wäre jede menschliche Gemeinschaft zerfallen. Während der letzten zehntausend Jahre war es die Herausbildung, Stabilisierung und Tradierung hierarchischer Ordnungen, die dafür sorgte, dass das Durcheinander in den immer größer werdenden Gesellschaften nicht überhand nahm und alles in möglichst geordneten Bahnen ablief.

Spätestens seit ihrer Sesshaftwerdung und der Herausbildung von Ackerbau und Viehzucht vor mehr als zehntausend Jahren waren unsere Vorfahren gezwungen, eine ihr Zusammenleben ordnende hierarchische Gesellschaftsstruktur zu entwickeln. Ohne Anführer, die allen anderen sagten, was diese zu tun und zu lassen hatten – und ohne klare Zuweisung und bereitwillige Übernahme der jeweiligen, hierarchisch geordneten Rollen durch ihre Mitglieder – hätte keine dieser frühen Gesellschaften ihre Besitztümer und ihren Fortbestand wahren können. Als besonders vorteilhaft erwies sich diese hierarchische Ordnung bei kriegerischen Auseinandersetzungen. Weil sie aber auch immer die Möglichkeit eines „Aufstiegs“ einzelner, besonders erfolgreicher, kenntnisreicher oder erfinderischer Mitglieder von unteren auf höhere Positionen bot, breitete sich dieses hierarchische Ordnungsprinzip allmählich in allen anderen Bereichen des Zusammenlebens in diesen zunehmend größer werdenden Gesellschaften aus.

Überall, in der Produktion, im Handel, im Finanzwesen, in Familien und Sippen, sogar in Kirchen und Klöstern gab es Personen, die anderen vorschrieben, was sie zu machen hatten. Und überall in diesen Hierarchien strebten die Untergebenen mit all ihrer Kraft danach, in höhere Positionen aufzusteigen. Möglich war das durch die Aneignung von besonders viel Wissen und Können, aber vor allem durch neue Entdeckungen und Erfindungen, die sie machten, also durch all das, was wir heute als wissenschaftlich-technische Innovationen bezeichnen. Der Wettbewerb um entsprechende Aufstiegschancen durch die Erbringung herausragender Leistungen führte zwangsläufig dazu, dass die anfangs noch recht gut überschaubare Welt, in der die Menschen lebten, sich enorm ausweitete und immer komplexer wurde.

Diese so lange so überaus erfolgreiche und fruchtbare hierarchische Ordnungsstruktur hat dazu geführt, dass inzwischen eine global vernetzte, hochkomplexe und auf so vielfältige Weise voneinander abhängige Gesellschaft entstanden ist – und die lässt sich nun nicht mehr mit Hilfe der alten hierarchischen Ordnungsstrukturen lenken. So sehr es auch immer wieder versucht wird, es geht nicht mehr diesen Zerfall aufzuhalten. Wir haben uns also selbst in eine Situation hineinmanövriert, die es nun notwendig macht, diese tradierten hierarchischen Ordnungen durch etwas anderes zu ersetzen, das uns Struktur und Orientierung bietet – diesmal aber nicht mehr von oben nach unten, sondern von einem inneren Kompass geleitet, den jeder Mensch in sich selbst entwickelt: das Empfinden, die Vorstellung und das Bewusstsein seiner menschlichen Würde.

Weiter geht es nun nicht durch „noch mehr vom Alten“, also den Rückgriff auf die bisher bewährte, hierarchische Ordnungsstruktur. Weiter geht es aber auch nicht ohne irgendeine Orientierung-bietende Struktur. In diesem Dilemma sind unsere gegenwärtigen hochentwickelten Gesellschaften gefangen. Daraus befreien können sie sich nur, wenn es ihnen gelingt, ihren Mitgliedern die Herausbildung eines individuellen, aber für alle gleichermaßen gültiges und verbindliches Ordnungsprinzip zu ermöglichen. Sie alle  bräuchten also so etwas wie einen inneren Kompass, dessen Nadel in die gleiche Richtung weist: dorthin, wo sie ihr Leben und ihr Zusammenleben im Bewusstsein ihrer Würde als Menschen gestalten.

Die allmähliche Herausbildung einer Vorstellung und eines Bewusstseins menschlicher Würde ist also kein Zufall, sondern zwangsläufige Folge der von uns Menschen geschaffenen, nun zunehmend komplexer und unüberschaubarer werdenden Lebenswelt. Jede Zivilisation erreicht irgendwann ein Stadium ihrer  Entwicklung, wo es so wie bisher nicht mehr weitergeht.  Die dann erforderliche Lösung für dieses Problem ist aber in ihr –  und damit in den Menschen, die diese Entwicklung über Generationen hinweg durchlaufen –  von Anfang an als biologische Möglichkeit, als Potential angelegt. In unserer eigenen Beschaffenheit, oder präziser: In der inneren Organisation und der Arbeitsweise des menschlichen Gehirns muss es also eine  Besonderheit geben, die es nicht nur möglich, sondern irgendwann sogar zwingend erforderlich macht, dass wir als Menschen eine Vorstellung unserer eigenen Würde entwickeln.

Wir sind im Zeitalter der Globalisierung und Digitalisierung angekommen, und die in der westlichen Welt entwickelten Vorstellungen davon, worauf es im Leben ankommt, beginnen sich weltweit auszubreiten. Sehr viele Menschen aus sogenannten Entwicklungsländern würden nun gern auch so leben wie wir. Sie orientieren sich nicht nur an unserem Lebensstil, sondern folgen auch den unserem Wirtschaftssystem zugrundeliegenden Vorstellungen. Sie sind, ebenso wie wir, inzwischen fest davon überzeugt, dass es ohne Wettbewerb keine Weiterentwicklung geben könne, und sind bereit, ihre Interessen ebenso rücksichtslos wie wir gegenüber anderen und auf Kosten der Natur durchzusetzen. Auch sie folgen der Ideologie eines unbegrenzten Wachstums und glauben an die Segnungen wissenschaftlich-technischer Innovationen. Und es fällt ihnen ebenso schwer wie uns, ihren Blick dafür zu öffnen und zu erkennen, dass wir mit eben diesen Vorstellungen dabei sind, unseren kleinen blauen Planeten zu ruinieren. Selbst wenn wir in der Lage wären, einen anderen Planeten zu finden und zu besiedeln, wäre auch der, wenn wir mit den gleichen Vorstellungen so weitermachten wie bisher, sehr bald genauso unbewohnbar wie unsere Erde. Was wir also brauchen, ist nicht ein neuer Lebensraum, um unsere gegenwärtigen Vorstellungen auch dort weiter wie bisher verfolgen zu können, sondern ein tieferes Verständnis davon, was uns als Menschen ausmacht.

Noch nie zuvor in der Menschheitsgeschichte war dieses, die gesamte Menschheitsgeschichte durchziehende Phänomen so offenkundig erkennbar wie jetzt, zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Erstmals eröffnet sich damit eine Perspektive, die unvermeidbar zu der entscheidenden Frage führt, was uns Menschen – trotz unserer unterschiedlichen Herkunft, Erfahrungen und historischen Eingebundenheiten – miteinander verbindet. Auch das kann nur eine von Menschen entwickelte Vorstellung sein, aber eine, die alle Menschen nicht nur trotz, sondern aufgrund ihrer Unterschiedlichkeit miteinander teilen. Keine Ideologie, keine Religion, keine ethische oder moralische Wertvorstellung ist dafür geeignet. Die einzige, alle Menschen in all ihrer Verschiedenheit verbindende gemeinsame Vorstellung kann nur die von ihnen selbst gemachte Erfahrung ihrer eigenen Würde als Menschen zum Ausdruck bringen. Das zutiefst Menschliche in uns selbst zu entdecken, ist somit zur wichtigsten Aufgabe im 21. Jahrhundert geworden.

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