Mehr im Einklang mit sich und der Natur, zuversichtlicher und auch wieder etwas neugieriger. Es ist den Versuch wert. Und es ist ganz einfach. Beispielsweise können Sie andere Personen, anstatt an ihnen vorbeizugehen als wären sie Luft, auch anlächeln. Sie können sie einladen, ermutigen und inspirieren, sich auf eine neue Erfahrung einzulassen, anstatt ihnen zu sagen, was sie und wie sie etwas machen sollen. Es ist gar nicht schwer, sich bei allem etwas mehr Zeit zu lassen, die Nahrungsmittel, die Sie zu sich nehmen, sorgfältiger auszuwählen als bisher und sich auch körperlich gelegentlich zu betätigen. Es schadet nichts, wenn Sie dabei ins Schwitzen geraten. Wer sich darauf einlässt, beginnt auch wieder, sich zu spüren. Und dann erwacht auch wieder die Freude an Bewegung, am Singen, Tanzen und Musizieren oder zumindest am Wandern und Radfahren. Das geht alles. Damit können Sie noch heute beginnen. Und wenn Sie sich in dieser Weise auf den Weg machen, entwickelt sich – von ganz allein – auch ein anderes Lebensgefühl. Und damit verändert sich Ihr Leben von ganz allein. Es wird wieder freudvoller, liebevoller, auch würdevoller. Und wer anderen mit diesem Gefühl begegnet, wird auch erleben, wie ansteckend es ist. So verändert sich dann nicht nur das eigene Leben, sondern auch das Zusammenleben mit diesen anderen Personen. Es passt alles wieder besser, ist kohärenter geworden.

Sicher lässt sich dieser Bewusstwerdungsprozess noch einige Zeit hinauszögern, aber dauerhaft aufzuhalten ist er nicht. Er ist als Möglichkeit, als Potential in uns Menschen angelegt. Aber solange wir uns gegenseitig zu Objekten unserer Absichten und Ziele, unserer Erwartungen und Bewertungen oder gar unserer Maßnahmen und Anordnungen machen, kann sich dieses Potential nicht entfalten. Sobald es uns als Familie, als Nachbarn, als Mitglieder eines Teams aber gelingt, einander als Subjekte zu begegnen, ist die Entfaltung der in jedem Einzelnen wie auch der in der betreffenden Gemeinschaft angelegten Potentiale unvermeidbar. Potentialentfaltung ist also der zwangsläufige und von ganz allein ablaufende Prozess. Er lässt sich nur durch eine Art des Umganges miteinander aufhalten, die das tiefe menschliche Bedürfnis nach Verbundenheit und Geborgenheit einerseits und Autonomie und Freiheit andererseits verletzt.

Ein sehr anschauliches Beispiel für die Folgen der Bewusstwerdung der eigenen Würde: ist der von den meisten Menschen völlig unerwartete Zusammenbruch des DDR-Regimes in Ostdeutschland.

Niemand hätte sich Mitte der 1980er Jahre vorstellen können, dass es innerhalb der nächsten Jahre zu einem völligen Zerfall, zur völligen Auflösung der von den damaligen Machthabern geschaffenen und aufrechterhaltenen Strukturen kommen könnte. Eingeleitet und in Gang gesetzt wurde diese Entwicklung durch eine wachsende Anzahl von Bürgern, die nicht länger bereit waren, sich als Objekte staatlicher Vorgaben und Repressalien behandeln zu lassen. Die sich ihrer Würde als Menschen bewusst zu werden begannen. Die sich montags in den noch einigermaßen geschützten Räumen der Kirchen versammelten und ihre Würde anschließend mit Kerzen in den Händen und dem Ruf „Keine Gewalt“ auf den Straßen und Plätzen ihrer Städte zum Ausdruck brachten. Diesen friedlichen Demonstrationen sich ihrer selbst bewusst gewordener Bürger hatte der autoritäre Machtapparat der damaligen Regierung nichts entgegenzusetzen. Und als von dieser Bewegung eine ständig wachsende Anzahl von Bürgern erfasst wurde und „Wir sind das Volk“ zu rufen begann, zerfielen die von den Machthabern geschaffenen Lenkungs-, Herrschafts- und Kontrollstrukturen. Repressive Systeme verlieren offenbar ihre Kraft und beginnen sich aufzulösen, wenn die bis dahin unterdrückten, kontrollierten und in Abhängigkeit gehaltenen Menschen ihre Subjekthaftigkeit wiederentdecken und sich nicht länger wie Objekte behandeln lassen.

Wie aber am Beispiel des Zusammenbruchs des Ostblocks deutlich wird, geht die Forderung nach eigenen Gestaltungsmöglichkeiten und mehr Freiheit nicht zwangsläufig auch mit einer Bewusstwerdung der eigenen Würde einher. Allein durch die Befreiung von bisheriger Unterdrückung kommt es im Gehirn der meisten Menschen zu keiner tiefgreifenden Veränderung der dort entstandenen Muster. Sie bleiben in den von ihnen gefundenen Lösungsstrategien zur Bewältigung ihres Schmerzes gefangen, so lange als Objekte behandelt und benutzt worden zu sein. Die häufigste und wirksamste davon bestimmt nun auch weiterhin ihr Denken, Fühlen und Handeln: Sie machen andere zu Objekten ihrer Erwartungen, Bewertungen und – wenn sie in Machtpositionen gelangen – ihres Handelns. Die dafür verantwortlichen neuronalen Verknüpfungen in ihren Gehirnen lösen sich eben nicht dadurch auf, dass ihre bisherigen Unterdrücker weg sind. Die können nur durch neue, das Bewusstsein ihrer eigenen Würde stärkende Erfahrungen überformt werden.

Das geschieht aber nicht dadurch, dass diese Menschen nun plötzlich in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft leben. Sie müssten spüren, dass sie dort auch von ihren Mitbürgern gesehen, wertgeschätzt und ernst genommen werden. Dass sie nicht weiter zu Objekten gemacht werden. Dass ihnen andere Menschen – auch Politiker, Meinungsmacher, Vorgesetzte, Lehrer und Verwaltungsangestellte – so begegnen, dass das Empfinden, die Vorstellung und das Bewusstsein ihrer eigenen Würde gestärkt wird.

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