Der Begriff der Würde sei schwammig, wird gesagt, und besonders krass hat es Schopenhauer in „Über die Grundlagen der Moral“ formuliert, er gehöre „zu den hohlen Redensarten, den Hirngespinsten und Seifenblasen der Schulen, zu Prinzipien, denen die Erfahrung bei jedem Schritt hohnspricht und von welchen ausserhalb der Hörsäle kein Mensch etwas weiss noch jemals empfunden hat.“ Wenn der Zyniker Schopenhauer Recht hätte, wäre mein Vortrag sinnlos.
Wozu also ein Vortrag über das Recht auf Würde? Seit Schopenhauers Überlegungen ist viel geschehen, das uns den Würdebegriff kostbar hat werden lassen, und dennoch ist die Skepsis Schopenhauers auf der anderen Seite heute mehr denn je angebracht.
Der Respekt vor der Würde eines Menschen, eines anderen oder des eigenen Selbst, erscheint mir wie ein Gegenmittel gegen Scham in ihrem Aspekt der Entwürdigung. Bei allen Auseinandersetzungen mit Würde geht es immer auch um die Gegenseite, nämlich Ent-würdigung, Demütigung und Beschämung. Einige Philosophen definieren daher Würde auch „als Recht, nicht erniedrigt zu werden“ (Schaber, Stocker).
Im Bezug zum eigenen Selbst erscheint Würde wie ein Antagonist der Scham oder wie ein Schutz vor deren ungesunden Aspekten. Wie bei der Angst sehe ich auch bei der Scham traumatisch bedingte Anteile. Traumatische Scham entwickelt sich aufgrund von massiver mit Ohnmacht v erbundener Erfahrungen der Demütigung, Beschämung und Entwürdigung. Traumatische Schamzu vermeiden, weil die Würde eines Menschen respektiert wird, erscheint mir ein erstrebenswertes Ziel, auch wenn es sich dabei um ein Ideal handelt. Dies war den SchöpferInnen unserer Verfassungwohl bewusst, und doch haben sie das Grundrecht auf Würde als Paragraph 1 formuliert und haben damit eine Orientierung vorgegeben, der inzwischen viele andere Staaten in ihren Verfassungen gefolgt sind. Das Ideal der Menschlichkeit gründet sich also auf die Erfahrung der
Unmenschlichkeit. (Wetz, 2005, 193)


Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigte, desto mehr nahm ich wahr, dass das Recht auf Würde und die fortwährenden Verletzungen dieses Menschenrechtes den Alltag durchziehen. Und mir wurde immer mehr bewusst, wie wichtig es ist und was für ein Gewinn in der Geschichte der Menschheit, dass dieses Menschenrecht formuliert worden ist, so dass es uns, selbst wenn wir dagegen verstossen, mahnt, uns darum zu bemühen. „Das Übermass an Leid und Ungerechtigkeit auch in der heutigen Welt lässt einen Verzicht auf die Idee menschlicher Würde sogar als verantwortungslos erscheinen und ruft nicht nur zu deren Achtung in der alltäglichen Praxis auf, sondern auch zu deren Bewahrung in der philosophischen Theorie“, mahnt der Philosoph Franz-Josef Wetz.(op.cit.192)


Auch Schamlosigkeit kann die Ursache für Würdeverletzungen sein, was sich m.E. besonders häufig in den Medien wahrnehmen lässt. Dies wurde mir besonders bewusst, als ich kürzlich mit meinen Enkeln und ihnen zuliebe die Sendung „Deutschland sucht den Superstar“ ansah. Ich war entsetzt über die Selbstverständlichkeit mit der hier mit Schamlosigkeit und Würdeverletzungenumgegangen wird.


Der Bogen dieses Vortrags ist daher weit zu spannen: Ich beginne mit Alltäglichem, referiere einige Überlegungen aus der Philosophie, in der sich neben den Rechtswissenschaften am meisten mit dem Thema beschäftigt wird und wurde, greife einiges aus den Sozialwissenschaften auf, um schliesslich zur Heilkunde und zur Psychotherapie zu gelangen. Verstösse gegen die Menschenwürde sind an der Tagesordnung. Die Würde von Alten, Kindern, Behinderten, Kranken und Sterbenden ist häufig Thema in den Medien und scheint allerorten mit Füssen getreten zu werden. Entwürdigende Zustände herrschen in vielen Teilen der Welt, das Entwürdigendste, das Menschen einander antun können, ist wohl die Folter. Dabei wird von den Folterern bewusst entwürdigt, beschämt und gedemütigt. Wird die Achtung der Menschenwürde deshalb wie in keiner anderen Zeit als politisches Idealziel angesehen?


Von der Antike bis heute hat sich der Begriff der Würde gewandelt. Daher gebe ich einen groben philosophiegeschichtlichen Überblick. Diesen und viele andere wertvolle Hinweise zum Thema verdanke ich vor allem Franz-Josef Wetz, der sein Buch „Illusion Menschenwürde“ nennt. Damit beginnt Wetz an einem ähnlichen Ort wie Schopenhauer und zeigt, wie überfrachtet dieser Begriff ist, und doch kommt Wetz mit anderen modernen Philosophen zu dem Schluss, dass der Begriff und das daraus abgeleitete Handeln unverzichtbar sei. Wetz unterscheidet den Begriff Würde unter dem Aspekt Wesensmerkmal und Gestaltungsauftrag. In der Antike und bis zu Kant wurde Würde unter beiden Gesichtspunkten betrachtet. Wesensmerkmal bedeutet, dass Würde als etwas verstanden wird, das spezifisch den Menschen auszeichnet, weil er über bestimmte Merkmale verfügt über die andere Wesen nicht verfügen, so wird behauptet. Das bekannteste Wesensmerkmal ist die Gottesebenbildlichkeit. Andererseits wird Würde als etwas verstanden, das der einzelne für sich und für andere zu gestalten habe. Würde als Wesensmerkmal wird von modernen Philosophen abgelehnt. Heute wird Würde unter dem Aspekt von etwas zu Gestaltendem betrachtet und eingefordert, denn in einer Zeit ohne Gott und nachdem auch der Glaube an die Vernunft des Menschen im 20. Jahrhundert weitgehend zusammenbrach, während noch für Kant die Vernunftbegabung des Menschen seine Würde bestimmte, musste die Idee der Würde als Wesensmerkmal mehr oder weniger verschwinden.

Vielleicht erinnern Sie sich an die bezaubernde Arie aus Josef Haydns „Schöpfung“ „Mit Würd und Hoheit angetan...“, in der zum Ausdruck kommt, dass der Mensch als Geschöpf Gottes und Ihm ähnlich eine natürliche Würde besitze, quasi ein den Menschen Auszeichnendes als Gottesgabe und Gottesebenbildlichkeit „der Geist, des Schöpfers Hauch und Ebenbild.“ „Gen Himmel aufgerichtet steht der Mensch, Ein Mann und König der Natur.“ „Mensch“ bedeutete über sehr lange Zeit „Mann“. So erklärt sich die Wendung im Text, dass sich an den Busen des Mannes die Gattin schmiege, „für ihn, aus ihm geformt“ und nicht aufgerichtet. (kursiv L.R.) Mehr oder weniger versteckt misogyne und andere gegen ganze Gruppen gerichtete feindselige und entwürdigende Tendenzen sind zu allen Zeiten auszumachen. In einer Kultur, die die Hälfte der Menschheit verachtet, kann Würde daher nicht so gedeihen, wie es wünschenswert wäre. In der Renaissance beschäftigte sich u.a. Picco de la Mirandola mit der Menschen-sprich Manneswürde. „De hominis dignitate“ also „Von der Würde des Menschen“ ist bis heute so bekannt geblieben, dass man sie in verschiedensten Ausgaben und Übersetzungen erhalten kann.
Der damals 32-jährige Picco führte aus, dass die Würde etwas sei, was den nach geistigen Gütern strebenden Menschen auszeichne, während der, der dies unterlasse, der von Gott gegebenen Würde verlustig gehe und wie ein Tier sei. Für Kant galt, dass Frauen, Kindern und Sklaven nicht mit Vernunft begabt waren, daher konnte für sie wiederum Würde nicht gelten. Kant hat im Kontext von Würde mit der Vernunft in gewisser Weise Gott ersetzt, d.h. während es vorher eine Auswirkung der göttlichen Gnade war, Würde zu
besitzen, war es nun eine Auswirkung der Vernunft oder wie schon bei Mirandola des Gebrauchs der Geisteskräfte. Schiller hatte den Mut gegen Kant in seinem Gedicht „Die Würde der Frauen“ zu argumentieren und die besondere Würde der Frauen hervorzuheben. Aus heutiger Sicht verfällt Schiller aber in einen derart schwärmerisch-idealisierenden Ton, was die Würde der Frauen angeht, dass es mir schwer fällt, ihm zu glauben, dass er Frauen, so wie sie sind, Würde zuspricht, sondern eher Frauen, so wie er sie sich vorstellt. Immerhin sind dieses Gedicht und andere seiner Schriften wichtige Meilensteine der Würdediskussion und das Engagement für die Würde der Frauen ist für die Zeit durchaus bemerkenswert. Ich meine sogar, dass man das an den Frauengestalten in Schillers Dramen nachvollziehen kann, sie scheinen mir mit mehr Würde „angetan“ zu sein als die Frauengestalt Goethes, sein Gretchen in Faust I. Schiller hat auch als erster in der Geschichte des Abendlandes in seinem „Don Carlos“ den Schutz der Menschenwürde als Staatsaufgabe eingefordert. So lässt er Marquis Posa zu König Philipp sagen: „Ich höre, Sire, wie klein, wie niedrig Sie von Menschenwürde denken...“und später fordert er in seiner Rede: „Stellen Sie der Menschheit verlorenen Adel wieder her...“ Schiller scheint als einer der wenigen seiner Zeit begriffen zu haben, dass man entweder alle Menschen in das Menschenrecht der Würde einschliesst oder damit in eine Falle gerät. Sein Marquis Posa bietet dem König allerdings eine Rechtfertigung an: Die Menschen hätten sich freiwillig ihres Adels begeben und sich freiwillig auf diese niedere Stufe gestellt. Sie würden erschrocken vor dem Gespenst ihrer inneren Größe fliehen, sich in ihrer Armut gefallen und ihre Ketten mit feiger Weisheit ausschmücken. Diese Gedanken des Marquis Posa werden uns später noch einmal beschäftigen. Begeben sich Menschen wirklich „freiwillig“ ihres Adels oder handelt es sich hier um einen Abwehr – sprich Schutzmechanismus?

In jedem Fall erscheint mir die Überlegung wichtig, dass ein Mensch sich selbst Würde zubilligt und zubilligen sollte. Etwa zur selben Zeit war Thomas Jefferson der Meinung, dass Sklaven, die zu halten er sich nicht schämte, nicht über unveräußerliche Menschenrechte und damit über Würde verfügten, weil sie mehr „Sinnesempfindung als Verstand“ besäßen und dann setzt er Sklaven den Tieren gleich, weil sie „sobald sie weder abgelenkt noch mit Arbeit beschäftigt sind, einzuschlafen neigen.“ (Thomas Jefferson (1905) Notes on Virginia, zit. nach Rorty) Tieren aber, das haben wir schon gehört, wurde keine Würde zugebilligt. Eine andere Möglichkeit, Menschen die Würde abzusprechen, bestand lange Zeit darin, sie mit Kindern gleichzusetzen. So weist der amerikanische Philosoph Richard Rorty darauf hin, dass Weiße in den Vereinigten Staaten und in Südafrika bis heute der Meinung seien, dass Schwarze Kindern ähnelten, weshalb man es dort für vertretbar halte, männliche Schwarze gleich welchen Alters mit „Boy“ anzusprechen. Und da Frauen, wie Männer zu sagen pflegten, etwas Kindliches an sich hätten, sei es für viele Männer vertretbar, Frauen Bildung und den Zugang zur Macht zu verwehren.

Man kann also erkennen, dass, wenn Menschenwürde an bestimmte Fähigkeiten oder Leistungen oder gar Merkmale wie das Geschlecht geknüpft wird, manche Menschengruppen würdelos da stehen (Stocker 2002,12). Das wiederum scheint mir Goethes Gretchen zu verdeutlichen. Sie kommt als ein abhängiges, nur zu Gefühlen fähiges, quasi „hirnloses“ Geschöpf daher, das nur dazu da ist, dem Mann Liebe, Glück und Wonne zuzulächeln, so wie es in der „Schöpfung“ heisst. So kann die Würde dieses Geschöpfes von Faust mit Füßen getreten werden.

Auch in der heutigen Zeit wird immer noch damit argumentiert, dass ein Mensch nur dann Würde besitze, wenn er sie sich verdiene und verdienen könne, oder sie sich erarbeite. Wie sonst liesse sich erklären, dass ein ehemaliger Bundespräsident und Verfassungsrechtler laut darüber nachdenken kann, bestimmten reformunwilligen Alten das Wahlrecht zu entziehen? Dieser Auffassung treten Philosophen und auch unser Rechtssystem eindeutig entgegen. Denn es wird davon ausgegangen, dass Menschenwürde kein Gut darstellt, das man erwerben könne oder gar müsse. Vielmehr wird ein Anspruch nicht entwürdigt oder erniedrigt zu werden geltend gemacht. (Baumann 2002 ). Dieser Anspruch wird gesetzt, ähnlich wie man sagen kann, dass Menschen, um zu leben, Nahrung brauchen.

Was dem religiös-metaphysischen und vernunftphilosophischen Hintergrund fehlte war die Gültigkeit des Rechts auf Würde für alle Menschen, so dass es auch noch im 21. Jahrhundert mit der Menschenwürde nicht unvereinbar erscheint, dass Frauen weltweit 70% der unbezahlten Arbeit erbringen, aber nur 1% des Weltvermögens ihr Eigentum ist, und dass die Welt eingeteilt zu sein scheint in Verlierer und Gewinner, ohne dass ein permanenter Aufschrei durch die Welt ginge. Moderne Philosophen wie Rorty lehnen es also ab, Wissen „über die Natur des Menschen“ zur Grundlage von moralphilosophischen Überlegungen zu machen, und er bezweifelt die „kausale Wirksamkeit“ moralischen Wissens.
Rorty hebt hervor, dass „das Auftauchen der Menschenrechtskultur“, zu der auch das Recht auf Würde gehöre, „einem Zuwachs an moralischem Wissen...gar nichts, sondern alles dem Hören trauriger und rührseliger Geschichten verdankt“. Daher empfiehlt er eine „Schule der Empfindsamkeit“. Diese Art von Bildung sorge dafür, dass Menschen unterschiedlicher Art einander gut genug kennen lernten, um nicht mehr so leicht in Versuchung zu geraten, diejenigen, die sich von ihnen selbst unterscheiden, für bloße Quasimenschen zu halten, und daraus dann das Recht abzuleiten, sie wie Untermenschen zu behandeln. (Rorty S.244 ff) Wir würden sagen, Bindungsfähigkeit, die auf emotionaler Resonanz gründet, also Empathiefähigkeit, könnte für das Recht auf Würde zentral sein und ganz ähnlich argumentiert
Rorty als Philosoph, denn nach seiner Meinung hat Harriet Beecher-Stowe mit ihrem Buch „Onkel Toms Hütte“ mehr für die Menschenrechte erreicht als moralphilosophische Überlegungen von Platon bis Kant.
Ähnlich argumentiert auch Baumann, wenn er von einer altruistischen Fähigkeit spricht, stellvertretend für andere deren Entwürdigung zu fühlen und damit Handlungen als
menschenunwürdig zu verurteilen. Baumann geht davon aus, dass es ein allgemeines Bedürfnis nach fundamentalem zwischenmenschlichem Respekt gebe und ein Bedürfnis, nicht respektlos oder gar erniedrigend behandelt zu werden. Wenn unser Ausgangspunkt ist, dass alle Menschen ein Recht darauf haben, ihre basalen Bedürfnisse zu befriedigen, dann folgt daraus das Recht auf wechselseitigen Respekt. (Baumann op.cit.) Zumindest bei Rorty geht es auch um eine eindeutige Stellungnahme für sog. weibliche Werte. Nach Rorty ist es der „überwiegend männlichen Wunsch nach Reinheit“ der Mitgefühl verhindert. Denn die, die als weniger „rein“ – wir können den Begriff ersetzen durch vernünftig, unemotional, reich, etc. – angesehen werden, werden verachtet und damit wird ihnen die Würde abgesprochen. Rorty meint, dass man zu dieser Art von Reinheitsbegriff komme, dass man imstande sei, sich von allem Klebrigen, Schleimigen, Feuchten, Empfindsamen und Weibischen zu befreien. Das heisst, die Ablehnung dessen, was patriarchale Kulturen dem Weiblichen zuschreiben, könnte über die Jahrhunderte dazu beigetragen haben, dass wir uns immer noch schwer tun mit dem Begriff der Würde und mit der Achtung, die wir diesem Menschenrecht entgegen bringen.

Zusammenfassend lässt sich festhalten:
„Je mehr der religiös-metaphysische und vernunftphilosophische Hintergrund verblasst, aus dem die Idee der Menschenwürde einst ihre Kraft und Glaubwürdigkeit bezog, um so nötiger haben wir sie.“ (Wetz, op. cit 192) Die moderne Philosophie sieht die Verletzlichkeit des Menschen als Grund für das Recht auf Würde an. Einige moderne Philosophen machen die Überbetonung des Verstandes zu Ungunsten emotionaler Werte und der Einfühlung und damit weiblicher Werte für die Unfähigkeit, das Recht auf Würde zu achten, verantwortlich.


Meine Grundhaltung zum Würdebegriff möchte ich an einem Beispiel aus einem Buch von Henning Mankell „Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt“ verdeutlichen. In diesem Buch geht es um die Erinnerungskultur im Afrika in Zeiten von Aids. Es gibt dort in einigen Staaten die Einrichtung der sog. Erinnerungsbücher, die vor allem für Kinder, deren Eltern an Aids sterben müssen, gedacht sind. Mankell prangert den Umgang der Weißen mit den Afrikanern und deren Aids-Elend an: Es gebe Leute, die anhand verschiedener Anekdoten zu zeigen versuchten, das große Problem sei die Unfähigkeit der Afrikaner, Informationen aufzunehmen und es würde das Bild von einer eigentümlichen Trägheit der Afrikaner beschworen. Und dann meint Mankell: „Nur weil man Analphabet ist, fehlt es einem nicht an Würde.“ (Hervorhebung L.R.) „...Menschliche Würde geht nicht Hand in Hand mit materiellem Wohlstand oder einem hohen Bildungsniveau. Menschliche Würde ist eine Gegenbewegung bei armen Menschen, die erkannt haben, warum sie in
bedrückender Armut leben müssen.“ Und dann fordert er: „...die Art der Information muss sich nach denen richten, die informiert werden sollen. Das Ganze muss ausserdem mit Würde geschehen. Also muss derjenige, der diese Information überbringt, in erster Linie zuhören lernen und nicht mit den Antworten und Verhaltensregeln ankommen, die
verschiedene westliche Experten und Bürokraten als die richtigen festgelegt haben.“ Neben der Forderung nach Gleichberechtigung und Partnerschaftlichkeit wird in diesem Beispiel etwas benannt, das uns noch mehrfach beschäftigen wird: Dass diejenigen, die entwürdigen, ihr Gewissen dadurch entlasten, dass sie den Entwürdigten die Schuld zuschreiben für die Art, wie ihnen begegnet wird. Der Anspruch auf Würde wird hier völlig ausser Acht gelassen. Bei Mankell klingt noch ein weiterer Aspekt an, den wir schon aus Marquis Posas Mund bei Schiller gehört haben, nämlich, dass Würde etwas ist, was man sich selbst zuspricht, was z.B. in dem Ausdruck, „ich lasse mir meine Würde nicht rauben“ zum Ausdruck kommt. Der Appell Posas richtet sich ganz klar an den König als den Mächtigen, der die Würde rauben kann, wenn er fordert, der König möge der Menschheit verlorenen Adel wieder herstellen, ebenso wie Mankell die Weissen mahnt, die Würde der Afrikaner zu achten. Es scheint dabei stets um einen Appell an die
Mächtigeren zu gehen, ihre Macht nicht zu missbrauchen.

Damit wende ich mich der sozialwissenschaftlichen und sozialpsychologischen Perspektive des Themas zu und möchte Paul Parin folgen, der schon 1975 schrieb „dass der Analytiker erkennen muss, welche Einflüsse die Makrosozietät eines Volkes, einer Klasse, einer sozialen Schicht auf seinen Analysanden ausgeübt hat und noch ausübt. Er muss in Betracht ziehen, dass ein Beamter nicht nur nützliche organisatorische Funktionen hat, sondern dass er Mitmenschen durch seine Macht unterdrückt, dass ein Unternehmer nicht nur einen interessanten und initiativen Beruf hat, sondern auch Herrschaft ausübt und Ausbeutung betreibt, dass ein Industriearbeiter nicht nur eine eintönige manuelle Beschäftigung ausübt, sondern dabei das Ausführungsorgan eines ihm fremden und feindlichen Interesses ist.“ (Parin 1975, 101) Als ich begann, mir Gedanken über entwürdigende gesellschaftliche Zustände wie Arbeitslosigkeit, Sozialabbau und Armut zu machen, stiess ich immer wieder auf eine Klammer: Neoliberalismus.

Wir stehen heute in Zeiten von Hartz IV und weil fast jeder unserer Patienten und jede unserer Patientinnen noch mehr jederzeit von Erwerbslosigkeit bedroht ist, vor völlig anderen Herausforderungen in der therapeutischen Praxis als etwa vor 20 oder gar 30 Jahren. Denn „Erwerbslosigkeit beeinträchtigt die Gesundheit und das psychosoziale Wohlbefinden“ (Udris 2005). Neoliberalismus ist bei genauer Hinsicht eine moderne Form der Menschenverachtung und Entwürdigung. Auch John Locke war der Meinung, dass Nicht-Eigentümer, wie Sklaven, aber auch Frauen und Kinder und indigene Völker, die kein Privateigentum kennen, nicht als Menschen zu betrachten seien und damit würdelos. Auch hier erkennen wir die Gefahr, dass eine Definition von Würde als Wesensmerkmal dazu führen kann, dieses Wesensmerkmal, je nach Definition, einigen absprechen zu können. Ob es nun Gottesebenbildlichkeit, Vernunft, Geisteskraft, Privateigentum ist, spielt am Ende keine Rolle.


Einer der Hauptvertreter des neoliberalen Fundamentalismus, Friedrich August von Hayek, der 1974 den Nobelpreis für Wirtschaftslehre erhielt, kann denn auch sagen: „Eine freie Gesellschaft benötigt moralische Bestimmungen, die sich letztendlich darauf zusammenfassen lassen, dass sie Leben erhalten: nicht die Erhaltung aller Leben, weil es notwendig sein kann, individuelles Leben zu opfern, um eine größere Zahl von anderen Leben zu erhalten.(Hervorhebung von mir) Deshalb sind die einzigen wirklichen moralischen Regeln diejenigen, die zum „Lebenskalkül“ führen: das Privateigentum und der Vertrag“ (zitiert in El Mercurio 19.4.1981). Das heisst im Klartext, dass nur diejenigen, die über Privateigentum und Vertragsfähigkeit verfügen ein Recht auf Leben haben, alle anderen können geopfert werden. Übrigens hat Hayek diese Äußerung anlässlich eines Besuchs zur Unterstützung des chilenischen Diktators Pinochets und seiner neoliberalen Politik gemacht. Das Recht auf Würde für alle hat bei einer solchen Denkart keine Chance, so dass Duchrow, Bianchi et al davon sprechen, dass es durch den Neoliberalismus zu einer „zunehmenden Faschisierung“ komme. Dass dies so ist, bestätigt m.E. Rortys Ansicht, dass moralische Forderungen und Einsichten allein Menschen nicht mitfühlend und – ggfs – verzichtbereit machen. Wie sonst könnten Arbeitslose von H. Maucher, dem früheren Vorstandsvorsitzender des Nestle Konzerns, als „Wohlstandmüll“ bezeichnet werden? Allgemein ist in unserer Gesellschaft eine Tendenz erkennbar, Arbeitslose als „tendenziell dehumanisierte Objekte“ (op. cit.116) zu betrachten, d.h. wir finden immer ähnliche Muster, sei es die Rechtfertigung im Umgang mit den Sklaven oder im Umgang mit Menschen, die ihren Geist weniger oder anders gebrauchen. Aus der Sicht der derzeit herrschenden Wirtschaftspolitik des Neoliberalismus ist es der Gott des
Privateigentums, der Menschen Würde verleiht; aus der Sicht der Würdenträger besitzen die Besitzlosen und weniger Leistungsfähigen keine Würde und haben ein Recht darauf nie gehabt oder verwirkt. So schreibt z.B. Jack Welch in seiner Autobiographie: „Waren auf einem Foto eines Mitarbeiters hängende Schultern oder müde Augen zu sehen, so zögerte ich nicht, darauf hinzuweisen und zu erklären: Der Bursche sieht aus, als wäre er schon halbtot! Der kann nichts wert sein...“ (Welch 2001). So kann er dann auch stolz darauf sein, den Mitarbeiterstand in 5 Jahren von 411.000 auf 299.000 gesenkt zu haben und meine Interpretation dieses Verhaltens ist, dass ein Mann wie Welch über Scham nicht zu verfügen scheint.

Dort, wo wir tätig sind, nämlich im Bereich des Gesundheitswesens können wir die Folgen neoliberalen Denkens tagtäglich erleben und mehr und mehr erleiden. Durch am Profitdenken rientierte Umstrukturierungen werden PatientInnen und MitarbeiterInnen in eine Lage gebracht, die von zunehmenden Ohnmachtsgefühlen und Empfindungen von Entwertung und Entwürdigung gekennzeichnet sind. Hartz IV stehe für eine „Viktimisierung der Opfer von Erwerbslosigkeit mit Zuckerbrot und Peitsche“ führen Duchrow et al (97) aus, aber auch für den Verlust der Menschenwürde und den Verlust eines Lebens in Würde. Die von Hartz IV geleitete Politik ziele ausdrücklich auf die Seele der Bedürftigen, der Ausgeschlossenen, und auf ihre Würde und unterwerfe sie einer staatlichen Viktimisierungstraumatisierung, einer staatlich verordneten „blaming the victim“ größten Ausmaßes. (op.cit 98) Oskar Negt stellt daher die Frage, wie es sich erklären lasse, dass von immer mehr Menschen erwartet werde, dass sie ihren Lebensstandard erheblich senken, während andererseits , „je weiter wir den Blick nach oben richten, auf die glanzvollen und privilegierten Macht- und Herrschaftsetagen... Opferzumutungen und Verhaltensweisen, die Anzeichen von Verantwortungsbewusstsein“ gegenüber dem Gemeinwesen erkennen liessen, immer seltener würden (Negt , 2003, 77). Auch hier stellt sich für mich die Frage der Schamlosigkeit, die in einem direkten Zusammenhang damit zu stehen scheint, was ich hier einmal das angemasste Recht auf Entwürdigung nennen möchte.

Damit möchte ich einige Überlegungen zum Verständnis der Mechanismen anstellen, die zur Verweigerung des Rechts auf Würde führen. Dazu erscheinen mir Mario Erdheims aus den 80er Jahren stammende Überlegungen zur „gesellschaftliche Produktion von Unbewusstheit“ besonders hilfreich. Die Macht-Ohnmachtsverhältnisse in gesellschaftlich geprägten Beziehungen unterliegen nach Erdheim einer bestimmten Dynamik. Er spricht von der Explosion des Narzissmus am sozialen Ort der Herrschaft. Daraus resultiere eine Selbstidealisierung einerseits sowie Entwertung und Verachtung der Machtlosen, siehe Wohlstands-müll, und ein Abbrechen einer empathischen Verbindung zu den weniger Mächtigen. Daher gebe es zwei Sorten von Menschen: Hochwertige, also Herrschende und Minderwertige, Beherrschte. Ein Resultat der Explosion des Narzissmus ist die Dehumanisierung des anderen und dessen Instrumentalisierung, so dass die Identifizierung mit ihm aufgegeben werden kann. Nach Rainer Krause (2001) wird dann i.S. von gut-schlecht und mächtig-ohnmächtig polarisiert und im Weiteren können dann Ausschlusskriterien gebildet werden, die eine Entwürdigung und sogar Tötung des anderen rechtfertigen. Wir erinnern uns an Worte wie „Achse des Bösen“, „gesellschaftlich Überflüssige“ u.ä. Wenn der andere Mensch in der Vorstellung gar kein Mensch wie ich mehr ist, kann ihm Beliebiges angetan werden, ohne dass Moralvorstellungen darunter zu leiden hätten. Wir erregen uns leicht über diese Haltung in totalitären Systemen und übersehen dabei, dass solche Haltungen offen, s.Hayek, aber auch subtil in vielen zwischenmenschlichen Kontexten nach wie vor gelten und einen würdevollen Umgang miteinander untergraben. In der Tageszeitung (Badische Zeitung, S.3 vom 20.3.2007) dieser Tage, lese ich vom Prozess gegen 18 Ausbilder der Bundeswehr wegen Misshandlung von Rekruten. „Im Zuschauerraum sitzen zwei ältere Herren, Berufsoffiziere im Ruhestand. Sie sagen, man sollte nicht vorschnell urteilen. Die Jungs hätten es doch nur gut gemeint mit ihrer Idee einer härteren Ausbildung. „Sie haben dann halt ein bisschen überdreht“, sagt einer... Von Ausbildung könne dabei keine Rede sein, sagt der Staatsanwalt. Denn weder davor noch danach hätten die Ausbilder mit ihren Untergebenen über das richtige Verhalten während einer Geiselnahme gesprochen....“ Nach dem Zeitungsbericht zeigt der Kompaniechef keine Einsicht, dass es sich hier um Folter habe handeln können, und dass das Vorgehen in keiner Weise durch Vorschriften der Budenwehr gedeckt war. Einer der Beschuldigten bringt zu seiner Rechtfertigung vor: „Schließlich hätten die Rekruten nur ein Codewort sagen müssen, dann wäre die simulierte Geiselnahme sofort gestoppt worden“. Laut Badischer Zeitung heisst das Codewort „Tiffy“ nach der rosafarbenen Vogelpuppe aus der Kindersendung „Sesamstrasse“ – ein Wort, das in dieser Welt der harten Männer nur Schwächlinge in den Mund nehmen.“ Oskar Negt, Philosoph und Sozialwissenschaftler, spricht von einer „Selbstabdichtung gegen Schamgefühle und Gewissensbisse“, als deren Ursache er „eine schwere Störung der Maßverhältnisse von Macht und Moral, von öffentlicher Verantwortung der Mächtigen“ als ein strukturelles gesellschaftliches Problem ausmacht (op cit 78), und ich ergänze wiederum: von Schamlosigkeit. Im gesellschaftlichen Kontext gibt es nach Erdheim am Ort der Herrschaft auch Mechanismen, mit denen sich die Beherrschten anpassen und schützen. Interessanterweise sind die von Erdheim beschriebenen Mechanismen denen, die Marquis Posa in Schillers „Don Carlos“ nennt, nicht unähnlich: Zu diesen Mechanismen gehören vor allem die Identifikation mit den Aggressoren und die Selbstbezichtigung, aber auch eine zunehmende Selbstabwertung, so dass sich z.B. ein Hartz IVEmpfänger im Fernsehen dafür beschuldigen kann, dass er zu viel Strom verbrauche oder einen Fehler gemacht habe, eine stromfressende Waschmaschine zu behalten, auch wenn er gar kein Geld für eine neue hat. Ähnlich wie Marquis Posa hat Nelson Mandela argumentiert, wenn er darauf hinweist, dass die größte Angst der Menschen die vor ihrer Größe sei. Die Frage, warum manche der Ärmsten der Armen und der Gequälten sich ihrer Würde bewusst bleiben und andere nicht, erscheint mir nicht geklärt. Sicher erscheint mir, dass, wie schon von Schiller gefordert, es eine Aufgabe gesetzgebender Organe und des Staates ist, für eine Balance verschiedenster Ansprüche unterschiedlicher Menschen und Interessen zu sorgen.

Ich wende mich nun einigen Problemen in der Allgemeinmedizin zu: Ich habe im Hinblick auf diesen Vortrag sehr viele Berichte von Patienten gelesen und kranken FreundInnen aufmerksamer zugehört als früher. Ich war immer wieder erschüttert über die vielen Klagen über unempathische, rücksichtslose Behandlungen. Besonders nahe ging mir das Buch von Helmut Dubiel, Professor für Soziologie in Giessen, der an Parkinson erkrankt ist. Eindrucksvoll beschreibt er, wie viel Angst er vor der Wahrheit hatte, als er sich in der Uniklinik einer Untersuchung zwecks Diagnostik stellte. „Ich brach sofort in Tränen aus, erzählte irgendeinen Unsinn von meiner jungen Freundin, nur um dem jungen Mann (dem Arzt) das Unmaß meiner Verzweiflung deutlich zu machen.“ Dem jungen Neurologen schien die unausgesprochene Diagnose, wie Dubiel schreibt „ein sadistisches Vergnügen“ zu bereiten. „Sichtlich angewidert beschied er mich grob, ich solle mich doch zusammenreißen…Er verwies auf eine zuvor gemachte Röntgenaufnahme meines Schädels. Da sehe man mit großer Deutlichkeit, dass meine Hirnmasse bereits geschrumpft sei.“ Dubiel liess sich einen Schrittmacher ins Gehirn pflanzen, in der Hoffnung, dass es ihm dann besser gehe. Am Ende seines Buches schreibt er: „Das schlimmste an dem neuen Zustand ist die soziale Scham über die instrumentelle Vermittlung der menschlichen Kommunikation…Ein neurologisch Erkrankter wird durch langfristige Tabletteneinnahme zum Zombie, durch den Schrittmacher zu Frankensteins Monster.“ Dubiels Bericht empfinde ich als Mahnung an jeden Arzt und jede Ärztin, die Würde des Patienten neben aller Begeisterung für die Fortschritte der Medizin nicht zu vergessen. Die nicht selten geübte Praxis der Erforschung von Problembereichen gegen den Willen der PatientInnen konfrontiert uns nicht nur mit fachlichen Fragen, sondern auch mit einem Thema, das in der Philosophie von den Diskursethikern abgehandelt wird. Diese betonen, dass schon ein Gespräch die Anerkennung des Gegenüber als gleichberechtigtes, wahrheits-und zurechnungsfähiges Subjekt voraussetze sowie die Berücksichtigung des anderen hinsichtlich seiner körperlichen – und ich füge hinzu – seelischen Integrität. (Wetz 210, 235). Achtung sei für die
Konstitution von Würde erforderlich und ermögliche freundliche Anerkennung des anderen, meint Wetz (209).

Ein lehrreiches und ehrliches Beispiele findet sich in dem auch für PsychotherapeutInnen lesenswerten Buch von Bernhard Lown: „Die vergessene Kunst des Heilens“. Es geht um eine Patientin, die mit zwölf Jahren nach Auschwitz kam. Lown schreibt: „Heute noch – viele Jahre später – fahre ich zusammen, wenn ich mich an ihre Geschichte erinnere.“ (Lown, S.59) Er habe sie „beharrlich“ nach dem Grund ihres zwanghaften Verhaltens – nämlich das Kaufen von Lebensmitteln „mit besessener Unvernunft“ gefragt. Schließlich berichtet sie ihm von einer Schrecken - und Ekel erregenden Erfahrung. „Dann fasste sie sich plötzlich wieder, sah mich voll Zorn an, dass ich diesen lang vergrabenen Albtraum ans Tageslicht befördert hatte, und verfiel in Schweigen. Ihre Besessenheit, Nahrungsmittel zu kaufen, hatte nach zehn Jahren intensiver Psychotherapie nicht abgenommen.
Auch ich versagte kläglich bei der Linderung ihrer vielen Krankheiten.“ Die Patientin geriet in einen dissoziativen Ausnahmenzustand, während dessen sie den Arzt für einen Nazi hielt, weil sie auf Diät gesetzt wurde und sie dies an das Hungern im KZ erinnerte. Solche Erfahrungen sind selten, aber häufig genug, dass es sich lohnt, sie zu kennen. Der medizinische Alltag ist voll von größeren und kleineren Würdeverletzungen. Am häufigsten scheinen mir Unachtsamkeit, Mangel an Empathie und die von Negt erwähnte „Selbstabdichtung“ gegen Scham und Ohnmacht die Ursache für einen die Würde des Patienten nicht achtenden Umgang zu sein.

Eine Recherche in gängigen Lehrbüchern der Psychotherapie und Psychosomatik ergab, dass der Begriff Würde dort nicht vorkommt, das heisst in der Psychotherapie ist Würde im Gegensatz zur Scham so gut wie nie ein explizites Thema. Als PsychotherapeutInnen sprechen wir eher von Entwertung und Scham, auch von Missachtung, oder von Achtung, Wohlwollen, Respekt wenn wir ähnliches wie das Recht auf Würde meinen. Da ich davon ausgehe, dass wir deshalb verschiedene Begriffe in unserer Sprache haben, weil sie wenigstens in Nuancen auch Unterschiedliches meinen, scheint es mir nützlich, diese zwar Ähnliches meinen könnende Begriffe nicht für den Würdebegriff zu benutzen, weil die Begriffe eben nicht identisch sind, sondern mit dem Würdebegriff direkt zu arbeiten. Ich möchte vorschlagen, dass wir gut daran täten, den Begriff in unser professionelles Vokabular aufzunehmen und ihm damit mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Es könnte nützlich sein, zu unterscheiden zwischen psychotherapeutischem Auftrag als einem heilkundlichen und dem psychoanalytischen als einem hermeneutischen. Während mir im Fall der Heilkunde eine Berücksichtigung der Würde eines Hilfesuchenden evident erscheint, mag es im Fall einer psychoanalytischen Erkundung i.S. von Erkenntnisgewinn vertretbar erscheinen, auf diesen Begriff zu verzichten. Wiederum können das Recht auf Würde und dessen Verletzungen einer psychoanalytischen oder ethnopsychoanalytischen Forschung unterzogen werden, was ich hier ansatzweise versuche.

Wir PsychotherapeutInnen können uns nicht zurückzulehnen und behaupten, in der Psychotherapie gebe es so gut wie keine Würdeverletzungen. Wie AerztInnen arbeiten wir zwar zum Glück in einem Bereich, in dem es um Fragen der Humanität geht, aber unbeeinflusst von gesellschaftlichen Missständen sind wir nicht weder im Außen noch im eigenen Innern. Und vor narzisstischer Selbstüberschätzung sind wir genauso wenig gefeit wie alle anderen Berufe, in denen mit Menschen gearbeitet wird. Dazu trägt auch eine patriarchal-paternalistische Tradition unseres Faches bei, die bei weitem nicht als überwunden betrachtet werden kann.

Mit zwei PatientInnenberichte, die Ende vergangenen Jahres im „Stern“ abgedruckt worden sind, will ich die Bandbreite der Problematik deutlich machen: Im ersten geht es um sexuelle Ausbeutung in der Therapie, etwas, womit wir bei einem von tausend Fällen zu rechnen haben. „Anlass für die Psychotherapie war, dass ich sechs Jahre keine Beziehung hatte. Die Gründe dafür wollte ich mit einer Psychoanalyse klären. Da habe ich dann herausgefunden, dass ich als Kind von meinem Bruder und meinem Grossvater missbraucht worden bin. Erst hat der Therapeut mir das nicht geglaubt, aber dann sollte ich es immer wieder im Detail nacherleben, obwohl ich das nicht konnte. Auch ansonsten hat er immer wieder Grenzen übertreten, hat sich ganz nah neben mich auf die Couch gesetzt oder seine Wange an meine gedrückt, mich ständig umarmt. „Nähe üben“ hat er
das genannt, „das müssen Sie aushalten können.““

Und hier der 2. Fall: „Angefangen hat es mit einem heftigen Konflikt am Arbeitsplatz. Ich habe damals in einem Stadtteil mit schwierigen Jugendlichen gearbeitet. Plötzlich überfielen mich Panikattacken in der U-Bahn oder in Theater. Dann starb auch noch meine Mutter.....In der Klinik wurde mir eine themenzentrierte Gesprächsgruppe Angst verordnet: 15 Leute mit Panikattacken in einem 20-Quadratmeter-Raum ohne Fenster! ... Ich habe gesagt, ich bekomme hier keine Luft, ob es nicht einen anderen Raum gebe? Die Therapeutin meinte, es sein kein anderer frei, und überhaupt: „Trainieren Sie doch mal, sich wieder auszuhalten. Sich zu spüren!“ ... Nach der ersten Sitzung war mir klar, dass eine Gruppe für mich nicht das Richtige ist... Aber ich musste weiter teilnehmen. Sonst hätten sie mich nach Hause geschickt, und dann hätte ich ja kein Geld bekommen. ...Nach drei Wochen Klinik hatten sich meine Ängste so gesteigert, dass Freunde mich anschließend zu Hause versorgen mussten.....Vor der Klinik war ich arbeitsunfähig. Hinterher war ich lebensunfähig.“

Warum sollten Psychotherapeuten gegen „eine schwere Störung der Maßverhältnisse von Macht und Moral“ gefeit sein? Wir kommen nicht umhin, dass es auch in der psychotherapeutischen Situation wie in jeder, in der es um Macht geht, Momente gibt, die zu Fehlverhalten i.S. der Missachtung des Rechtes auf Würde kommen kann. Zwar können wir krasses Fehlverhalten wie insbesondere im ersten Fall als ein Problem einiger weniger einordnen, jedoch scheinen Entwürdigungen derart wie im 2. Beispiel nicht selten zu sein. Das kann dazu führen, dass wir die Defizite der PatientInnen überbewerten, sprich, Probleme der Therapie ausschliesslich den PatientInnen anlasten und zu wenig unseren Teil daran wahrnehmen, obwohl wir seit Georges Devereuxs häufig zitiertem Buch „Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaften“ wissen, dass wir zu Fehleinschätzungen der Informationen, die uns PatientInnen geben, kommen können und es objektive Erkenntnis in unserem Tun nicht geben kann. Menschen wünschen sich nicht nur in ihrer Würde geachtet zu werden, sie haben auch alle damit zu tun, sie zu missachten. Auf meiner Suche nach Antworten entdeckte ich ein Märchen. Märchen haben stets wie Träume vielfache Bedeutungen. Ich beschäftige mich hier mit dem Märchen unter dem Aspekt der Würde und blende andere, sicher ebenso wichtige Aspekte, aus. Das Märchen „Das Wasser des Lebens“ erzählt von einem kranken König, „und niemand glaubte, dass er mit dem Leben davonkäme“. Da der König ein Würdenträger per se ist, kann ihm seine Krankheit nicht die Würde nehmen. Aus der alltäglichen Praxis wissen wir, wie sehr Patienten an ihrer Würde zu zweifeln beginnen, wenn sie sich durch Krankheit und Behinderung beschädigt fühlen, denn auch ohne Philosophiekenntnisse knüpfen viele ihre Würde an Eigenschaften. Im weiteren Verlauf des Märchens geht es dann jedoch fast ausschliesslich um die drei Söhne des Königs, also seine Helfer oder in moderner Sprache, seine Therapeuten. Sie begeben sich nämlich auf die Suche nach dem „Wasser des Lebens“ also dem Heilmittel, damit befinden sich die Königssöhne vor eine ähnliche Aufgabe gestellt wie jeder Heilkundige, das bestmögliche Mittel zu finden, anzubieten und zu
verabreichen. Das Mittel sei schwer zu finden, heisst es im Märchen. Dadurch, dass die Aufgabe schwer ist, erhält derjenige, der sie ausführt, besondere Macht und derjenige, der sich ihm anvertraut, macht sich ein Stück weit abhängig. So will der König zunächst auch nicht, dass der älteste Sohn sich auf die Suche nach dem Wasser begibt, „lieber will ich sterben“, sagt er. Der Sohn bittet nun so lange, bis der König einwilligt. Die Motive des Sohnes sind zweifelhaft: „Bringe ich das Wasser, so bin ich meinem Vater der Liebste und erbe das Reich.“ Man ahnt, dass er dem Vater helfen will, aber dass es ihm auch um Ruhm, Macht und Geld geht und damit steht er bereits in Gefahr, an diesen „Ort der Herrschaft“ zu gelangen, von dem Erdheim uns sagt, dass es dort zu einer Explosion des Narzissmus des Mächtigen kommen kann und zu immer stärker werdender Aggression gegen die Beherrschten. So verwundert es nicht, dass der Königssohn einen Zwerg, der ihm begegnet, als „dummen Knirps“ abtut und sich seiner Hilfe nicht bedient. Inzwischen ist er von seiner Mission so überzeugt, dass er nicht links und nicht rechts schaut. Das führt dazu, dass der Zwerg ihn verwünschen kann, und er alsbald er auf einen so engen Weg kommt, „dass er keinen Schritt weiter konnte; es war nicht möglich, das Pferd zu wenden oder aus dem Sattel zu steigen, und er sass da wie eingesperrt.“ Übertriebenes Geltungsbedürfnis und Eigennutz führen in eine Sackgasse, sagt das Märchen. Und wie um dies zu unterstreichen, wiederholt sich dieses Motiv ein zweites Mal, denn der zweite Königssohn macht sich jetzt auf den Weg, nachdem der ältere nicht zurückkommt. Aber auch ihm geht es um das Königreich und nicht um die Gesundheit des Vaters, und auch er missachtet den Zwerg, der ihn verwünscht, so dass auch er wiederum auf dem Weg stecken bleibt. Erst der dritte und jüngste macht es, wie so oft in Märchen, anders. Wir hören nichts von eigennützigen Wünschen und dieser Königssohn lässt sich nun auch vom Zwerg helfen und den Weg zum Wasser des Lebens weisen. Der Zwerg sagt zum Königssohn Worte, die auf Würde verweisen: „Weil du dich betragen hast, wie sich’s geziemt, nicht übermütig wie deine falschen Brüder, so will ich dir Auskunft geben....“ Um das Heilmittel zu finden, muss der Königssohn viel auf sich nehmen, das könnte ihn übermütig machen, aber um der Aufgabe willen, das Wasser zu bekommen, lässt er sich nicht aufhalten, sogar mit der schönen Prinzessin, der er begegnet, will er erst „in einem Jahr“ Hochzeit feiern. Auf seinem Weg hat er auch unbeabsichtigt ein Brot gefunden, das „niemals all“ wird und ein Schwert, „mit dem er ganze Heere schlagen“ kann. So kehrt er also erst einmal mit mehr Reichtümern zurück als er ursprünglich suchte. Aber er will nicht ohne seine Brüder sein und erlöst sie aus ihren Sackgassen. Gemeinsam mit ihnen begibt er sich auf die Heimreise zum kranken Vater. Betrachtet man die drei Brüder als eine Gestalt, so könnte man sagen, dass es zu einer Durchmischung auf psychischer Ebene kommt. Es ist nicht möglich, nur würdevoll und grossmütig zu sein. Im Märchen rauben die Brüder dem Jüngsten das heilkräftige Wasser des Lebens, vertauschen die Flaschen, so dass der, dem die Ehre gebührt, dem Vater das Wasser zu geben, diesem schädliches Wasser gibt und die beiden Ältesten geben ihm das Wasser des Lebens. Unschuldig gerät der jüngste jetzt in eine entwürdigende Situation, die Brüder machen sich über ihn lustig, verspotten ihn und werfen ihm vor, sich nicht klug verhalten zu haben; er steht als der Bösewicht da, ohne es zu sein und soll mit dem Tode bestraft werden. Im Märchen scheint es jetzt ein neues Thema zu geben, die Entwicklung des jüngsten Königssohnes. Dass dem Vater geholfen wurde, wird nur noch beiläufig erwähnt. Mit dem Tode bedroht, verzichtet der jüngste Königssohn auf die äußeren Zeichen für Würde, denn er gibt seine königlichen Kleider dem Jäger, der ihn töten sollte. Ohne es direkt auszusprechen, ist aber klar, dass der Königssohn immer „königlich“, und damit voller Würde, bleibt. Und so treffen dann Geschenke für ihn ein von denen, denen er mit seinem Brot und seinem
Schwert geholfen hat und dem Vater kommen Zweifel, ob sein Sohn schuldig war. „Und er ließ in allen Reichen verkündigen, dass sein Sohn dürfte wiederkommen...“ Die Königstochter, die er übers Jahr heiraten wollte, kann nun am Ende zeigen, wer der wahrhaft Würdige ist. Sie lässt nämlich vor ihrem Schloss eine Straße, golden und glänzend, machen. Und nur der, der auf ihr reitet, ist der rechte Freier. Die beiden Brüder betreten den goldenen Weg nicht, denn da „könnte etwas abgetreten“ werden vom Gold, das wichtiger erscheint als die Braut. Der jüngste aber ist so sehr in Gedanken mit der Braut beschäftigt, dass sein Pferd mitten über den goldenen Weg reitet, und er es nicht einmal bemerkt. Und so kann Hochzeit gefeiert werden und der jüngste ist Herr des Königreichs.

Ich verstehe dieses Märchen als eines, das sich in vielen Facetten mit dem Thema Würde auseinandersetzt und noch genauer mit der Würde von Menschen, die anderen helfen wollen. Das Wasser des Lebens kann auf Dauer und für alle nur heilsam sein, wenn es würdevoll verabreicht wird, das heisst, wenn sowohl derjenige, der es bekommt, wie derjenige, der es gibt, ganz in seiner Würde bleiben kann. Treten Störungen auf, so gerät man in lebensbedrohliche Situationen. In diesem Fall ist es der Heiler selbst, der seine Würde verliert und erst durch den Weg zur Braut, also durch die Verbindung von männlichen und weiblichen Anteilen zum Herrn des Königreichs werden kann. Ich betrachte daher dieses Märchen als eines, das alle bisher angesprochenen Themen zur Sprache bringt: Verfestigte Herrschaftsstrukturen, die nicht bewusst gemacht werden, führen zur Explosion des Narzissmus und daraus resultierender Aggression auf der einen Seite, zu Schuldgefühlen und Selbstwertproblemen auf der anderen Seite. Eine Gesundung aller ist so nicht möglich. Erst wenn der Ohnmächtige seine Stärke erkennt und die allzu Mächtigen über ihre Gier stolpern, kann die tödliche Dynamik durchbrochen werden. Das sog. weibliche Prinzip muss sich mit dem sog. männlichen Prinzip verbinden, damit die Würde aller gewahrt bleibt.

Als PsychotherapeutInnen wissen wir, dass Macht-und Geldgier aus abgewehrtem Ohnmachtserleben entstehen kann. Wenn also Helfende sich vor Ohnmachtserleben fürchten und dies nicht wahrhaben können, kann es eine vermeintliche Lösung geben, sich mächtig und machend aufzublähen. Dies könnte nach meinem Verständnis die Fehlentwicklungen erklären, die in den oben erwähnten Berichten der PatientInnen zum Ausdruck kommen. Gerade PatientInnen, die uns von Ohnmachtssituationen berichten, lösen in uns i.S. der Gegenübertragung Ohnmachtserfahrungen aus. Wenn wir uns dann nicht sicher fühlen, in dem, was wir tun sollten und könnten, und dazu gehört für mich auch eine Sicherheit des Würdeempfindens, kann es zu Fehlentwicklungen kommen. Ähnliches vermute ich auch für die vorgesetzten Soldaten, die ihren Untergebenen die Foltererfahrung zumuteten. Welche Möglichkeiten gibt es, mehr Sicherheit im Umgang mit dem Recht auf Würde zu entwickeln?

Ich sehe drei Bereiche, in denen wir vermehrt auf die Würdethematik achten sollten:
1. Geht es um Respekt vor der Autonomie des anderen
2. Gilt es die Würde der Verletzlichkeit und des Scheiterns aller anzuerkennen.
3. Gibt es eine Würde der Intimität und damit im Bereich der Psychotherapie ein Recht auf ein „nein“ des Mitteilens, in anderen Bereichen der Heilkunde auch die Notwendigkeit konkret auf körperliche Intimitätsverletzungen zu achten.

Alle drei Bereiche hängen eng zusammen. Die Würde autonomen Handelns könnte nach meiner Kenntnis in der Psychotherapie noch mehr beachtet werden. Nicht immer ist es üblich, PatientInnen an den eigenen Überlegungen teilhaben zu lassen, sie gründlich aufzuklären und sich mit ihnen auf einen Prozess einzulassen, der in der Allgemeinmedizin unter dem Begriff des „shared decision making“ oder „partizipativer Entscheidungsfindung“ abgehandelt und untersucht wird. Das kann z.B. bedeuten, dass wir PatientInnen darüber aufklären sollten, wie wir ihre Störung verstehen und einordnen und wie wir meinen, dass sie behandelt werden sollte. Grundsätzlich hätten PatientInnen dann auch den
Anspruch, dass wir sie über alternative Behandlungsmöglichkeiten zu informieren hätten, das heisst, ihnen nur eine Behandlungsmöglichkeit, nämlich die, die wir erlernt haben, vorzuschlagen, wäre nicht ausreichend. Wir müssten wenigstens grob auch über andere Behandlungsmöglichkeiten Bescheid wissen und sie mehr respektieren, wenn sie von PatientInnen gewünscht werden. Das sollte auch bedeuten, dass wir bei jedem neuen Schritt, den das alltagsweltliche Vorstellungsvermögen nicht abdeckt, erklären, warum wir zu tun beabsichtigen, was wir tun. Wie jede und jeder weiss, ist das u.a. Angst mindernd. Erst wenn die Patientin zustimmt, man nennt das auch „informed consent“ wäre der nächste Schritt zu tun. Damit müssten wir einige uns liebgewordene und theoretisch für stimmig gehaltene Vorgehensweisen in Frage stellen. Es wäre dann z.B. nicht richtig, PatientInnen abzuverlangen, dass sie uns ausführlich über belastende Dinge erzählen, wenn sie das nicht wollen. Und unter Würdeaspekten wäre es dann auch fragwürdig, dies als „Widerstand“ zu deuten. Der Respekt vor der Autonomie des Patienten würde es nahe legen, bei dem Material zu bleiben, das der Patient uns zur Verfügung stellen will und kann. Es wäre dann auch fragwürdig, bestimmte als evidence-based geadelte Verfahren anzuwenden, wenn siePatientInnen etwas abverlangten, das diese nicht einzubringen gewillt sind oder wovor sie – noch – zu viel Angst hätten.

Dies führt geradewegs zur Verletzlichkeit und zum Recht auf Scheitern. Dazu komme ich zur Philosophie von Emanuel Lévinas. Nach meinem Wissensstand beschäftigt er sich besonders ausführlich mit der Herausforderung, vor die uns die Verletzlichkeit des anderen Menschen stellt. Geradezu archaisch spricht er davon, dass „das Antlitz“ des anderen uns unmissverständlich auffordere, du sollst mich nicht töten. Töten ist zu verstehen in einem weiten Sinn als, du sollst weder meinem Körper noch meiner Seele Schaden zufügen. Im Märchen wird gezeigt, wie sehr die Absicht des Helfenwollens und eher eigennützige Motive durchmischt sein können. Wir möchten etwas erreichen und wir möchten wissenschaftlich handeln. Aus dem immer stärker werdenden Bedürfnis nach Wissenschaftlichkeit können sich Entwicklungen ergeben, die mit der Menschenwürde nur noch schwer vereinbar sind. Denn aus Wissenschaftlichkeit kann sich rasch Besserwisserei entwickeln. Es kann ein Gefälle entstehen, das der von Erdheim geschilderten Dynamik sehr ähnlich ist, da Wissen auch Macht ist und damit zum Machtmissbrauch verführen kann. Die Mechanismen, die dann entstehen, sind zwar weit subtiler als in den von mir genannten Beispielen, aber auch in der Psychotherapie sind wir ständig davon bedroht, dass unser Narzissmus „explodiert“, dass wir zu schnell sind, weil wir mehr zu wissen glauben als unsere PatientInnen. Kommen wir mit unserem Wissen nicht an, könnte uns das aggressiv machen, und wir könnten es den PatientInnen anlasten, statt uns zu fragen, ob wir mit dem, was wir vorhaben, nicht mehr beim Patienten und dessen Möglichkeiten sind. Die feste Überzeugung, dass ein Konzept, das sich bewährt hat, auch beim nächsten Fall wieder anzuwenden sei, kann dazu führen, dass wir verletzend werden.

Lévinas fordert Güte und Barmherzigkeit, beides Begriffe, die uns in der Psychotherapie recht fremd sind. Lévinas geht so weit zu fordern, dass wir ganz von uns abzusehen hätten, damit meint er, dass wir von jedem Eigennutz abzusehen hätten, etwas, was in unserer Sprache mit Abstinenz gemeint sein könnte. Der Abstinenzbegriff wäre aber aus meiner Sicht erneut zu überdenken, ähnlich wie es schon Cremerius in den 80er Jahren getan hat. Bestimmte Formen der Zurückhaltung bei der einen Patientin mit einer hysteriformen Störung, könnten für eine andere mit einer Vernachlässigungserfahrung schädlich sein. Und wenn wir immer die gleiche Art von Abstinenz übten, könnte das auch bedeuten, dass wir mehr aus Eigennutz, nämlich in diesem Fall aus Angst und Abhängigkeit vor Schulenmeinungen handeln, also in der Sprache des Märchens allzu schnell
das „Königreich“ erreichen wollen, und damit uns gerade nicht enthalten, unsere eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.

Ich habe schon vom Recht auf Scheitern gesprochen. Dazu sagte der schwer kranke Hans Dieter Hüsch: „Zur menschlichen Würde gehört das Unvollendete. Ich bitte die Menschen, sich dies zu erhalten.“ Viktor Frankl zitiert eine seiner PatientInnen: „Denn wer da meint, ein Menschenleben müsse ein Schreiten von Erfolg zu Erfolg sein, der gleicht wohl einem Toren, der kopfschüttelnd an einer Baustelle steht und sich wundert, dass da in die Tiefe gegraben wird, da doch ein Dom entstehen soll. Gott baut sich einen Tempel aus jeder Menschenseele“. Das Ziel des Menschen ist nicht seine Verwendbarkeit (Fulbert Steffensky). Hier gibt es eine Würde der Bedürftigkeit, die uns allen nicht leicht fällt.
Ohne näher darauf eingehen zu können, fand ich es interessant, dass es in Japan eine regelrechte Kultur der Würde des Scheiterns gibt. Könnten wir uns diese Kultur als Behandelnde erlauben?

Und unseren PatientInnen als den zu Behandelnden? Das Recht auf Intimität hatte ich als drittes genannt im Kontext des Rechtes auf Würde. Das beziehe ich vor allem auf stationäre Settings, in denen dieses Recht häufig überhaupt nicht anerkannt wird, aber auch in Bezug auf etwas, das ich therapeutische Neugier nennen möchte und den Glauben, man könne nur helfen, wenn man über intime Dinge, dazu rechne ich nicht nur sexuelle, möglichst „alles“ wisse. Den immer „gläserner“ werdenden Patienten rechne ich ebenfalls zu diesem Problemkreis. Ich meine, wir sollten nicht nachlassen, uns gegen dieses immer gläserner Werden zu wehren. Gesellschaftliche Bedingungen können einen abstumpfen lassen. Wenn ich meine gesamte berufliche Tätigkeit betrachte, so meine ich, dass wir heute Dinge selbstverständlich hinnehmen gegen die wir vor Jahren oder Jahrzehnten Sturm gelaufen sind. Wir sollten untersuchen, inwieweit es sich hier um sinnvolle Anpassungsprozesse handelt oder ob wir nicht doch die Würde unserer PatientInnen subtil zu verletzen bereit sind, weil wir aufgehört haben, darüber nachzudenken, ob das Recht auf Menschenwürde hier noch relevant sei.

Aus meiner Sicht ist es immer relevant. Mag es auch schwer sein, und im Schopenhauerschen Sinn auch selten genug gelingen, wir sollten uns u.a. auch deshalb, weil immer mehr seelisch schwer verletzte Menschen zu uns kommen, nicht davon abhalten lassen, das Recht auf Würde zu verteidigen sowohl in unserem alltäglichen psychotherapeutischen Handeln wie als Mitglieder der Gesellschaft. Es mag bisweilen hilfreich sein, gerade weil es nicht immer einfach ist, die Würde bei sich selbst und bei anderen zu achten, sich an die Güte, die Lévinas fordert, zu erinnern oder an die Schule der Empfindsamkeit von Rorty, die unseren Vorstellungen von Empathie sehr nahe kommt, um Würde als ein Menschenrecht im Bewusstsein halten zu können.


Literatur
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Duchrow, U., R. Bianchi, R. Krüger u. V. Petracca (2006): Solidarisch Mensch werden. Psychische
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Erdheim, M. (1984): Die gesellschaftliche Produktion von Unbewusstheit. Eine Einführung in den
ethnopsychoanalytischen Prozess. Frankf./Main, Suhrkamp
Levinas, E. (2005): Humanismus des anderen Menschen. Hamburg, Meiner
Lown, B. (2005): Die verlorene Kunst des Heilens. Stuttgart, Schattauer
Negt, O.(2005): An Heinrich von Pierer. Von der Wirtschaft gegen den Menschen, in C. Amery
(Hrsg.) Briefe an den Reichtum, München, Luchterhand
Rorty, R. (2000): Wahrheit und Fortschritt. Frankfurt(Main) Suhrkamp Taschenbuch
Schaber, P. (2002): Menschenwürde als Recht, nicht erniedrigt zu werden. in Stoecker, R
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Stoecker, R. (2002): Menschenwürde und das Paradox der Entwürdigung in ders. Menschenwürde.
Annäherung an einen Begriff
Udris, I. (2005): Die Kosten der Erwerbslosigkeit – gesundheitlich, psychisch, sozial,
gesellschaftlich. ZPPM 3.Jg heft 4, 13-29
Wetz, F.-J. (2005): Illusion Menschenwürde. Aufstieg und Fall eines Grundwerts. Stuttgart, Klett-
Cotta
Welch (2001): zit. Nach Duchrow, Bianchi et al. (2006)
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